Ein Jahrgang, zwei Welten – zu Besuch bei der Familie Kroiss
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Ein weiteres Jahr ist vergangen. Der neue Jahrgang ist bereits in der Flasche. Ganz nach guter Nachbarschaft hat uns die Familie Kroiss wieder zur Präsentation des neuen Jahrgangs eingeladen.
Wie immer haben wir die Einladung mit großer Freude angenommen. Schon am Morgen hat sich abgezeichnet, dass es ein perfekter Tag werden würde. Die Sonne hat geschienen, die Temperaturen waren angenehm – es gab also eigentlich nichts, was mich von meinem Lieblingsweingut in Wien hätte fernhalten können.

Wie immer wurden wir – und eigentlich alle Gäste – mit offenen Armen und einem Lächeln empfangen. Ich hatte kaum Zeit, meine Sachen abzustellen, schon hatte ich ein Glas in der Hand. Letztes Jahr bin ich etwas unvorbereitet hingegangen, deshalb konnte ich weniger von den Weinen aus Illmitz verkosten, die von Julias Bruder Andreas gemacht werden.
Man sollte wissen: Die Familie hat sowohl Wiener als auch Illmitzer Wurzeln. Den Wiener Teil führt Julia, den Illmitzer Andreas.

Kurz zu Illmitz: Die Böden sind überwiegend sandig und kalkhaltig, vereinzelt findet man Braunerde. Die Nähe zum Wasser sorgt für ausgeglichene Temperaturverhältnisse. Wer den Heideboden kennt, weiß ungefähr, was einen erwartet: lebendige Säure, erfrischende Mineralität und oft fast eine salzige Anmutung im Geschmack.
Andis Einstieg ist ein Heideboden Weiß – genau so, wie man es erwartet: frisch, mit präziser Säure und animierender Mineralität. Zitrusnoten begleiten den Wein vom Duft bis in den Abgang. Ein perfekter Begleiter für heiße Sommertage.
Was ich unbedingt probieren musste – wobei ich letztlich das gesamte Sortiment verkostet habe – war der Sauvignon Blanc. Julias Sauvignon Blanc gehört zu meinen persönlichen Favoriten, daher war ein Vergleich Pflicht. Man hat fast das Gefühl, als hätten die aktuellen Winzer der Familie Kroiss schon vom Großvater Geschichten über Sauvignon Blanc statt Gute-Nacht-Geschichten gehört. Diese klare Stilistik – floral, fruchtbetont – trifft genau meinen Geschmack.

Besonders beeindruckt haben mich außerdem die Ried Chardonnays: Ried Lüss und Ried Domkapitel. Dieselbe Rebsorte – und doch zwei völlig unterschiedliche Wege im Keller. Beim Ried Lüss werden handverlesene Trauben als Ganztrauben schonend gepresst und der Most direkt in mehrfach belegte Barriquefässer gefüllt, wo die Gärung stattfindet. Zehn Monate auf der Vollhefe inklusive biologischem Säureabbau.
Der Ried Domkapitel geht einen anderen Weg: Handlese, zwei Wochen Maischestandzeit im Stahltank, anschließend 18 Monate Ausbau im Barrique – ebenfalls in mehrfach belegten Fässern.
Auch die Rotweine dürfen natürlich nicht fehlen. Andreas produziert hier eine größere Bandbreite als Julia – Burgenland ist schließlich bekannt für starke Rotweine. Es gibt ja diese Theorie, dass „in der Branche alles aufgeteilt ist“: Weinviertel für Weißwein, Burgenland für Rotwein. Ob das stimmt, darf jeder selbst entscheiden.

Mein absoluter Favorit unter den Rotweinen war der Trialog. Cabernet Sauvignon, Blaufränkisch und Merlot werden getrennt gelesen und verarbeitet. Nach zwei Wochen Maischestandzeit im Stahltank reifen die einzelnen Sorten getrennt in kleinen Holzfässern (20 % neues Holz). Nach einem Jahr werden sie verkostet und zur Cuvée vereint, bevor sie ein weiteres Jahr reifen. Im Glas zeigen sich reife dunkle Beeren, Cassis, Heidelbeere und Jostabeere, dazu feine Kräuterwürze, Tiefe und Eleganz. Am Gaumen präzise, saftig, mit schönem Zug und langem Abgang.
Auch die Süßweine haben wir verkostet – wunderbar balanciert zwischen Säure und Restzucker. Süß, aber nie schwer. Man greift automatisch zum nächsten Schluck.

Nach einer kurzen Pause – mit etwas Wasser und Erikas hervorragenden Sandwiches – ging es weiter mit den Wiener Weinen. Der Alkohol hilft bekanntlich auch dabei, sprachliche Barrieren etwas zu lösen, und so kommt man leichter mit den Menschen rundherum ins Gespräch. Es entstanden spannende Gespräche über Wein, über das Leben – oder man hat alte Bekanntschaften aus früheren Lesezeiten wieder aufleben lassen.
Julias erster Wein war der Grüner Veltliner. Der Einstieg in die Linie – und gleichzeitig einer der stärksten Weine im Portfolio. Ehrlich gesagt hat er meinen Zugang zu Grüner Veltliner nachhaltig geprägt. Wenn ich mich richtig erinnere, war bei meinem ersten Besuch der Gemischte Satz mein erster Wein, gefolgt vom Grünen Veltliner. Diese beiden Weine haben meine Erwartungen an österreichischen Wein ziemlich hoch angesetzt.

Zum Sauvignon Blanc sage ich an dieser Stelle nicht mehr viel – wir können ohnehin nie genug davon bestellen. Soweit ich gesehen habe, steht er sogar auf der Karte eines Michelin-Sterne-Restaurants.
Eine echte Überraschung war für mich der Grüner Veltliner Ried Neuberg – ganz klar „Großer Wein“-Kategorie: hochreif, kraftvoll und dicht, mit Apfel- und Birnenfrucht, etwas Ringlotte, einem Hauch dunkler Beeren, mineralischen Noten und feiner Kräuterwürze, dabei immer elegant.

Den Gemischten Satz Ried Hackenberg 1ÖTW hatte ich zuvor schon mit Roland direkt aus dem Stahltank verkostet. Er war damals sichtlich stolz – und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Schon damals hat mich die Komplexität beeindruckt. Umso schöner, ihn jetzt wieder im Glas zu haben.
Julias einziger Rotwein ist der Zweigelt Ried Hackenberg – für mich ein Paradebeispiel dafür, wie Zweigelt gemacht sein sollte: kraftvoll, dicht, mit reifer dunkler Kirschfrucht, feiner Würze, harmonisch, am Gaumen noch jugendlich, aber bereits sehr gut strukturiert.

Julias Weine sind fixer Bestandteil unserer Riesling-Verkostungen, ihr Sauvignon Blanc ist ein absoluter Favorit bei uns im Shop.
Umso mehr freut es mich, dass der neue Jahrgang des Riesling Alte Reben bereits verfügbar ist. Auf den Sauvignon Blanc müssen wir noch ein wenig warten – aber wir geben natürlich Bescheid, sobald er da ist.
Vielen Dank für die Einladung und die – wie immer – herzliche Gastfreundschaft.