Dreißig Ernten: Ein Tag bei Gróf Degenfeld
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Die Route führte durch die Slowakei, weil das GPS diesen Weg als den kürzeren berechnet hat. Ob er wirklich kürzer war, kann ich bis heute nicht bestätigen – dass er abenteuerlich und schön war, dafür umso mehr. Wien–Tarcal, zum ersten Mal – und mit dem Motorrad.

Vor Jahren bin ich fast jeden Sommer ins Tokajer Weingebiet gefahren; es war das feste Reiseziel. Das Weingut Degenfeld ist mir dabei trotzdem immer entgangen. Dabei hätte es sich gelohnt, allein die letzten fünfzehn Jahre mitzuverfolgen – jetzt, wo ich dort war, verstehe ich, wie viel hier in dieser Zeit passiert ist.
Die Geschichte reicht über anderthalb Jahrhunderte zurück. Die Familie Degenfeld spielte schon im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle in Tokaj-Hegyalja: Graf Imre Degenfeld gehörte als Gutsbesitzer 1857 zu jenen, die die Qualität der Tokajer Weine regeln und auf ein höheres Niveau heben wollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Familie ihre Güter und baute sich in Deutschland ein neues Leben auf. Einige Jahrzehnte später kehrte Graf Sándor Degenfeld zu den Wurzeln zurück: 1994 ersteigerte er erneut Weingärten in Tarcal, und gemeinsam mit seiner Tochter, Gräfin Marie Degenfeld, und seinem Schwiegersohn, Dr. Thomas Lindner, machte er sich an den Wiederaufbau des verwahrlosten Parks und der Gebäude. Die erste Lese kam 1996. Seither bewirtschaftet das Gut 35 Hektar Rebfläche an der Grenze von Mád und Tarcal – mit historischen Rieden wie Terézia oder Zomborka –, und das seit 2009 vollständig biologisch. Aus dem Schloss ist heute ein Vier-Sterne-Hotel geworden, das seine Gäste empfängt.

Tarcal ist eine kleine Gemeinde, an einem Wochentagabend passiert nicht viel – und trotzdem steckt der Ort voller Schätze. Spannende Orte, gute Weine, herzliche Einheimische.
Anlass meines Besuchs war der Empfang zum 30-jährigen Jubiläum. Unsere Gastgeber waren Gräfin Marie Degenfeld und Gutsdirektor Máté Tóth, aber eigentlich war fast das gesamte Team des Weinguts mit uns beim Fest.

Nach einem Kaffee führte uns der Weg zur Kapelle auf dem Terézia-Hügel. Von dort ließ sich die ganze Region überblicken. Das Wetter war nicht perfekt, die Stimmung und der Schaumwein dafür umso mehr. Ein trockener Furmint-Sekt war es, ein wirklich besonderer Tropfen – und was ihn noch besonderer macht, ist das Etikett. Gemalt haben es die Kinder der Klapka-György-Grundschule in Tarcal, auf jeder Flasche eine andere Kinderzeichnung. Das Gut verband sein dreißigstes Jahr nämlich mit einer Spendenaktion: damit auf dem Schulhof ein Spielplatz entstehen kann.

Von der Kapelle gingen wir hinunter in die benachbarte Ried Terézia. Es war schön, sich dort umzusehen und die Rebstöcke aus der Nähe zu betrachten, von denen einer unserer liebsten Hárslevelűs stammt. Das Team von Degenfeld hörte bei den Überraschungen aber auch hier nicht auf: Es hatte junge Rebstöcke vorbereitet, die wir Gäste einpflanzen durften. Ich habe kurzerhand drei, vier gesetzt. So wird es in ein paar Jahren auch einen Wein in unseren Regalen geben, an dessen Rebstöcken ich selbst mitgeholfen habe.

Danach wurden wir mit einem herrlichen Mittagessen bewirtet, bei dem wir die besten Weine des Guts verkosten konnten – darunter besondere Aszús und eine Eszencia. Das Menü hat Chef Csaba Latorcai zusammengestellt; eine sehr durchdachte Abfolge, ich gratuliere auch im Nachhinein dazu. Nach dem Essen wurde die Tombola gezogen, deren Erlös ebenfalls den Kindern zugutekam. Eine der Gewinnflaschen ist jetzt auch bei uns im Geschäft zu finden – sie mit dem Motorrad herzubringen war, das gebe ich zu, ziemlich amüsant, aber immerhin gibt es dazu eine Geschichte.

Eine weitere Überraschung hatten sie sich noch aufgehoben: Wir versenkten eine Zeitkapsel in einem Fass. Das Fass verschloss der örtliche Böttchermeister vor Ort, und der Gutsdirektor und der Kellermeister vergruben es in echter Handarbeit – für die Zukunft. Von dort ging es in den Keller, wo moderne Technik auf die Traditionen und Werte der Vergangenheit trifft.

Von dort ging es in den Keller. Das Gebäude entstand 1873 auf königlichen Erlass als staatliche Winzerfachschule: Nach der Reblauskrise brauchte die Weinregion Kellermeister, und hier wurden sie ausgebildet. Die damaligen weitläufigen Keller stehen noch, das Weingut nutzt sie bis heute. Darüber, an der Stelle des alten Presshauses, liegen die Büros – die große Erweiterung von 1996 entstand nach den Plänen von Ferenc Salamin, einem Schüler von Imre Makovecz, und Traubenverarbeitung wie Abfüllung bekamen einen neuen Flügel.
Die Kellerwände überzieht eine dicke, samtige Schicht: der Edelkellerschimmel, das Markenzeichen der Tokajer Keller. Er lebt vom Alkohol und den Estern, die aus den Fässern verdunsten, und hält im Gegenzug Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Keller konstant. Genau dieses ruhige, gleichbleibende Klima brauchen Aszú und Szamorodni, um jahrelang zu reifen – der Schimmel an der Wand steckt also mit drin in dem, was in unser Glas kommt. Diese Doppelheit zieht sich durch das ganze Haus: Moderne Technik trifft auf die Traditionen und Werte der Vergangenheit.

Ich hatte Gelegenheit, ein paar Worte mit der Gräfin zu wechseln, und es entstand auch ein gemeinsames Foto – vor einem Gemälde, das Sissi, die Kaiserin, zeigt. Beim Weggehen dachte ich dann im Hof des Hotels nach: Als ich hereinkam, hatte ich das Gefühl, auf einer eigenartigen kleinen Insel angekommen zu sein, einer Insel der Ruhe. Die Atmosphäre verzaubert und nimmt einen mit. Ich bin mir sicher, dass wir als Gäste noch oft in diesem wunderbaren Schlosshotel übernachten werden.

Nachdem ich die Menschen kennengelernt habe, die hier arbeiten, verstehe ich noch besser, warum es sich so gut anfühlt, eine Flasche Degenfeld zu öffnen. Ihre Professionalität, ihre Herzlichkeit, ihre Fürsorge kommen gewissermaßen mit in die Flasche – und überall auf der Welt, wo wir sie öffnen, landet das, wie eine kleine Eszencia, in unserem Glas.

Im Herbst führen wir die Geschichte mit einer Verkostung zum 30-jährigen Jubiläum auch bei uns in Wien weiter – mit Gutsdirektor Máté Tóth.